Eine neue Veröffentlichung von Deadman gibt es ja nicht alle Tage und ist allein deshalb schon ein Riesenthema unter allen TexAmericana-Fans. Mit einer kolossalen DVD/CD-Kombination aus Film und Musik (und dickem Programmheft!) in edel gestalteter Mehrfachklapphülle sprengt Mastermind Steven Collins allerdings jegliche genreüblichen Rahmen! Collins ist Deadman, Punkt. Nie zuvor war das so deutlich. Er hat nicht nur mal wieder seine Begleitband komplett ausgetauscht, sondern sich mit spannenden Leuten aus der Filmszene zusammengetan, um seinen Talenten gleich zweigleisig freien Lauf zu lassen: 'How Shall We Then Live?' heißt das brandneue, insgesamt 6. Deadman-Album und 'Chimes At Midnight' ist der korrespondierende Kurzfilm, eine Art ausgedehntes und künstlerisch ambitioniertes Musikvideo, zu dem Collins Idee und Initiative lieferte und maßgeblich an der Geschichte und am Drehbuch beteiligt war. Der Reiz liegt im grenzüberschreitenden Erlebnis der Bilder und der Klänge sowie der Fotos und Texte im 44-seitigen Begleitbuch als ideale Ergänzung. Keine Frage: 'Chimes At Midnight' & 'How Shall We Then Live?' ist der diametrale Gegenentwurf zum uncoolen Downloaden oder Streamen von Musik und hat das Zeug zum absoluten Kultteil im diesjährigen Americana-Segment!

Steven Collins aka Deadman befindet sich schon seit etlichen Jahren im Geschäft. Er stammt aus Dallas und hat dort eine erste Deadman-Inkarnation bereits Ende der 90er an den Start geschickt. Nach einer wechselhaften Bio mit einigen längst vergriffenen Veröffentlichungsschätzen, einer gescheiterten Ehe und etlichen Songs darüber bedeutete sein Umzug in die ewig blühende Musikmetropole Austin Vergangenheitsbewältigung und Aufbruch zugleich. Aufbruch zu jener Sextett-Bandphase von Deadman, die sich mit regelmäßigen Live Shows im Saxon Pub und anderswo eine große Reputation unter ihren zahlreichen Anhängern und den einschlägigen Fachleuten vom Austin Chronicle über das Paste Magazine bis Uncut erspielt hatte. Blue Rose Records, seit jeher glühende Anhänger gut gemachter Texas Music, nahm Deadman unter Vertrag und brachte Anfang 2011 zunächst die 'Live At The Saxon Pub'-CD heraus - ein fulminantes, fast 70-minütiges Statement über das riesige Potenzial dieser tollen Formation, die so leichtgängig Southern Rock, Texas Folk, Alt.Country Rock und 70er old school Rock'n Roll mit klassischen Singer/Songwriter-Tugenden unter dem Americana-Banner zu verknüpfen wusste und oft sogar mit The Band verglichen wurde! Im Herbst 2011 folgte dann als Reifeprüfung die starke Studio-CD 'Take Up Your Mat And Walk' in derselben Besetzung und im Frühjahr 2012 eine umjubelte Tournee durch Europa. Aber auch dieses Kapitel ist beendet, Steven Collins war stets ein kreativer Künstler auf ständiger Suche und wird es immer bleiben!

'Chimes At Midnight' ist ein knapp 20-minütiger Short Film, der wie ein songübergreifendes Musikvideo wirkt, andererseits aber auch als eigenständiges Produkt mit musikalischer Begleitung funktioniert. In der Hauptrolle sehen wir einen von Schauspieler Chris Dye gespielten Erzähler, der eine Aufführung in drei Akten vorträgt. Kurz zusammengefasst handelt es sich dabei um ein mysteriöses, spukiges, gleichwohl lässig unterhaltsames Western Noir-Drama mit Roadmovie-Charakter und Stummfilmanleihen etwa zwischen den Polen Shakespeare, Victor Hugo, 'Pat Garrett' und Jim Jarmusch ('Dead Man'!). In schwarzweiß gefilmt sehen wir herrlich klischeehaft überzeichnet Männer in zünftiger Goldgräberkluft und Frauen als deftig gestylte Schönheiten der Nacht sowie in regelmäßigen Einblendungen Steven Collins & Deadman als "House Band" mittendrin. Die Idee zu diesem Projekt reifte in Collins während der Studio Recordings zur neuen Platte. Er gewann schnell das Interesse von Regisseur J.Hawkins und Kameramann Chip Tompkins, in nur wenigen Monaten entstand das Grundgerüst für 'Chimes At Midnight' in Form eines Scripts, einer Besetzungsliste und der Auswahl des Drehorts. So spielt der Film in Collins' südlich von Austin gelegener Heimatstadt Lockhart, dort speziell im kultigen Chisholm Trial Ballroom. Als Mitwirkende fungieren lokale Musiker, Schauspieler, Designer, Maler und andere Künstler, denen man Spaß und Engagement in jeder Szene anmerkt. Zusätzlich zum Film bietet die DVD noch einen ausführlichen "Behind The Scenes"-Bonus mit Beiträgen und Kommentaren der Hauptakteure.

'How Shall We Then Live?' ist eine 26-minütige Mini-CD mit 6 Tracks. 'Young And Alive' beginnt den neuen Deadman-Reigen roots-rockig und gospel-beschwingt, elektrische und akustische Gitarren halten sich die Waage und Steven Collins grummelt mit tiefem Sprechgesang als "Preacher Man" gegen einen mehrstimmigen Frauenchor. Etwas leiser dann das feinsinnige, mit spanischer Gitarre und Akkordion ganz im wüstenflirrenden Calexico-Sound arrangierte 'Javert'. Auch dieser geheimnisvoll vorgetragene Song in Anlehnung an den Hauptcharakter aus Hugo's 'Les Misérables' ist gespickt mit biblischen Metaphern und philosophischen Betrachtungen. Collins erweist sich mal wieder als Meister wortgewandter Poetry und bildhafter Sprache. Ja, es sind solche cinemaskopischen Lieder wie 'Javert', die sich besonders für eine Verfilmung eignen und ihn maßgeblich zum 'Chimes At Midnight'-Projekt motiviert haben dürften! In ähnlicher Atmosphäre (und mit reichlich Dylan-Nähe) findet das lässig walzernde 'Hard Pill' statt, bevor Deadman mit dem beschwingten Uptempo-Twang von 'Our Fellow Man' zum ultimativen Ballroom-Abtanz auffordern. Gitarrist Bryce Clarke pickt seine Fender Telecaster herrlich knackig im klassischen Bakersfield-Modus, Akkordionspieler Matt Lara präsentiert ein stimmiges Border Music-Solo und Texas-Folkfrau Brennen Leigh steuert die Harmony Vocals bei.

Gerne wird Steven Collins eine mitunter wirklich kaum unüberhörbare Bob Dylan-Affinität zugeschrieben. Als wenn er das bestätigen müsste, wird's nun richtig dylanesk! Zunächst mit dem Titelsong, einer getragenen Ballade, auf der Collins in der typischen Intonation des Meisters nach nichts weniger als der Bedeutung des Lebens sinniert, während Gitarren und Akkordion eine Soundlandschaft frei nach Daniel Lanois aufbauen. Dann zum Finale mit einer tex/americana-mäßigen Version von... ja, tatsächlich einer waschechten Dylan-Nummer, die der Autor soeben - viel diskutiert und höchst umstritten - für den aktuellen Chrysler-Autowerbespot preisgegeben hat: 'Things Have Changed', im Original aus dem 2000er Film 'Wonder Boys'. Dass Deadman mit ihrer sehr integer und bodenständig gestalteten Interpretation diesem Song seine Würde zurückgeben, kommt schon beinahe einer ironisch-philosophischen Überlegung nahe, aber es passt auch irgendwie zum Leben dieses bemerkenswerten Typen Steven Collins, dem es eindrucksvoll gelingt, sich als Deadman immer wieder neu zu erfinden!