Mit seiner neuen CD bestätigt der kanadische Singer/Songwriter Trevor Alguire den starken Eindruck, den er gerade erst mit seinem Debüt 'As Of Yesterday' hinterlassen hat. Das Thema des so genannten problematischen zweiten Albums scheint er nicht zu kennen: 'Thirty Year Run' besticht mit erstklassigem Songmaterial, einer großen stilistischen Bandbreite im Rahmen eines fest umrissenen Genres und einer interessanten Verbindung von grundguten kanadischen Werten mit dem All American Roots Sound aus Texas, Kalifornien, Nashville oder North Carolina.

Damit ist Trevor Alguire nicht einfach nur ein weiteres Talent aus dem schier unerschöpflichen Reservoir an starken Singer/Songwritern aus dem hohen Norden, sondern einer, dem man durchaus eine internationale Karriere zutrauen darf. Alguire stammt aus Ottawa und gehört dort zur Szene um auch überregional bekannte Acts wie Jim Bryson & The Occasionals, Sarah Harmer und Kathleen Edwards mit bestem Draht zu Blue Rodeo, den Skydiggers und Fred Eaglesmith.

2004 machte er das erste Mal auf sich aufmerksam, veröffentlichte unter dem Bandnamen Mercury Pickup das Album 'Narrowed Down' und heimste wohlwollende Kritiken bei den lokalen Medien ein. Vergleiche von Steve Earle bis Tom Petty, von Blue Rodeo über Wilco bis Uncle Tupelo standen plötzlich im Raum, aber die werden ja gerne inflationär genannt... Da sollte also mit 'As Of Yesterday' zwei Jahre später schon noch kräftig nachgelegt werden, um die großen Vorschusslorbeeren auch wirklich zu rechtfertigen. Blue Rose erkannte das enorme Potenzial und veröffentlichte dieses feine Werk bei uns im Sommer 2007. Eine Grundsteinlegung, die sich gelohnt hat, denn jetzt kommt 'Thirty Year Run' und beweist, mit was für einem dauerwertigen Typen wir es hier zu tun haben. Mit erstaunlicher Leichtigkeit und Souveränität gelingt Trevor Alguire wieder der Spagat zwischen Alt.Country und Roots Rock, Americana und Gitarrenrock, Folk und Rock'n Roll. Am Ende kann man sich bestens auf die zeitlose Formel Country Rock einigen, jenen Country Rock, der ganze Generationen verbindet, der Großstadt-Flair und Landluft atmet, der bei der Backporch Party genauso gut ankommt wie in den alternativen Rockclubs der Szene oder im stickigen Roadhouse entlang irgendeines Highways.

Als Songwriter, Produzent, Sänger und Akustikgitarrist steht Trevor Alguire natürlich klar im Vordergrund, aber seine ausgesuchte Studioband trägt ihren gehörigen Anteil am Gesamtwerk: allen voran der bekannte Produzent und elektrische Gitarrist (auch Bass und Harmony Vocals) Keith Glass (Prairie Oyster, Amos Garrett, Lynn Miles) sowie Tom Thompson (Jim Bryson, Kathleen Edwards), der bereits bei Mercury Pickup zum Team gehörte und jetzt hauptsächlich die Pedal Steel Guitar bedient, mitunter eine zusätzliche Rhythmusgitarre spielt. Bassist Steve Foley und Drummer Peter Von Althen (Skydiggers, Fred Eaglesmith, Lynn Miles) bilden eine in allen Americana-Fragen beschlagene Rhythm Section, weitere Klangfarben gibt es durch die beiden Bluegrass-geschulten Musiker Michael Ball (Acoustic Bass, Fiddle) und Gilles Leclerc (Mandoline, Gitarre, Harmony Vocals).

Im Lauf der Jahre und Alben scheint Trevor Alguire immer selbstbewusster und lockerer zu werden - einhergehend mit einem deutlichen Trend zu akustischeren Arrangements und zum klassisch-zeitlosen Country Rock, der vor über 35 Jahren gar nicht mal unbedingt in Kanada, sondern vorzugsweise an der kalifornischen Westküste seinen Einstand feierte und seither aus der ländlich motivierten Roots-Szene nicht mehr wegzudenken ist. Und der gleichermaßen immer wieder Großstadt-Cowboys wie Alguire inspiriert! 'Thirty Year Run' bietet 13 Eigenkompositionen zwischen lässig-rockig und semi-akustisch/elektrisch-balladesk, die leidenschaftlich und engagiert daherkommen, mit der gewissen urwüchsigen Kraft eines wahren Singer/Songwriter-Champions gesegnet sind und jede Menge mitzuteilen haben. In den Texten geht es um Geschichten auf und neben der Straße, persönlichen Sehnsüchten, Beobachtungen von Land und Leuten. Alguire erweist sich dabei als wortgewandter Erzähler mit viel Einfühlungsvermögen und Sänger mit emotionalem Tiefgang, wobei ihm seine warme, sonore Stimme - etwa zwischen Tim Easton, Kevin Welch und Michael Hall - ungemein hilft.

So setzt der Eröffnungssong 'Full Of Rust' gleich Maßstäbe: die Harmony Vocals atmen US-Westküste, der Twang der Elektrischen stammt aus Nashville, eine - in der Tat rostige - Fiddle spielt die Führungsmelodie und auch noch das einzige Solo, der Refrain lädt zum Mitsummen ein... 'Sarah' klingt nach Country-Creedence pur, eine Art 'Someday Never Comes' mit viel Mundharmonika und treibendem Beat. 'Troubles Me So' und der fantastische Titelsong im Zentrum des Albums sind Alt.Country Folk aus der Dead Reckoners-Schule von East Nashville, 'Like Old Times' und 'Away From You Now' genau die Pedal Steel-getränkte Fernwehballaden, die man sich bei solchen Titeln wünscht. 'These Words' zieht das Tempo an, eine knackige "Twang & Rock"-Electric Guitar bestimmt das Geschehen, wiederum sind die rauen Harmonien das Salz in der Suppe. Auf 'Letting You In' und 'The One' zeigt sich Alguire von seiner hemdsärmeligen Roots & Roll-Seite mit Rockabilly-Wissen und mean-old-dirty Lead Guitar, 'Cold, Cold December' überrascht mit herrlichem Bluegrass-Flair frei nach Chris Hillman/Herb Pedersen und 'Follow You' beschließt ein durchweg herausragendes Album mit einer kapitalen Alt.Country Rock-Hymne Marke Son Volt, die in einem furiosen Steel & Electric Guitar-Showdown endet!

Erstaunlich wenig erinnert auf 'Thirty Year Run' an Karohemden und kanadische Wälder, dafür klingt alles original nach Trevor Alguire - ein richtig starker Charakter im unübersichtlichen Singer/Songwriter-Dickicht!!